Hans-Jürgen Schumacher, 45, aus Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern grüßt www.rockuebervierzig.de und stellt einige seiner Lieblingsscheiben vor - und für Euch zur Diskussion:
1) Deep Purple "Deep Purple in Rock", 1970: Das beste Deep Purple-Album schlechthin und wahrscheinlich die alles entscheidende Grundlage für die weitere, musikalische Entwicklung des Hardrock. Ein Album, das vor Kreativität, Spielfreude und Kraft nur so strotzt. Die Band präsentiert sich musikalisch unverbraucht und hatte zu jener Zeit, nach dem Einstieg von Ian Gillan, so gut wie keine Konkurrenz zu fürchten. Das melodische Schreien in "Child in time" und der stampfend-feurige Rhythmus mit Ritchie Blackmors 'Überschlaggitarre' bei "Hard Loving Man" bezeichneten Meilensteine, an denen sich fast alle späteren Heavy-Metal-Bands zwangsläufig orientieren mussten.
2) Neil Young "Harvest", 1972: Das kompositorische Repertoire von Neil Young wurde zu jener Zeit auf dieser Scheibe wohl unterschätzt. Vom harten Folk-Rock, über die einfache Liedform, bis zur modernen Klassik, zeigt der Tenor von "Crosby-Still-Nash & Young" eine beeindruckende Bandbreite musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten. Und das in den Kinderjahren des Rock, Anfang der 70-ziger. Beeindruckend! Ein Klassiker. Sollte man Barbiepuppe Britney Spears um die Ohren hauen, damit sie aufhört Musik zu machen.
3) Omega "Èló Omega", 1971: Die Ostblock-Antwort auf Deep Purple, Uriah Heep ,Led Zeppelin und Black Sabbath. Gitarrist György Molnár steht in punkto Spielgeschwindigkeit und musikalischer Expressivität in keinster Weise Ausnahmegitarrist Ritchie Blackmore nach. Hinter Molnárs Soli mit 'Quietscheinlagen' steht ungezähmte Spielfreude. Der Mann will Druck machen, hat sich vielleicht ein, zwei Passagen aus "Speed King" von "Deep Purple in Rock" abgeguckt. Außerdem sind auf dem super Hard-Rock-Album Spitzenballaden zu finden. Komischerweise klingt Ungarisch als Rock-Sprache wesentlich besser als deutsch. Die LP war für die damalige Zeit im Osten auch von der Aufmachung her ein Hammer: die Platte steckte in einer silberspiegelnden Aluhülle, das Gruppenfoto und der Name der Band wurden mit grellroter oder blauer Lackfarbe draufgespritzt, innen ein Wahnsinnsgruppenfoto der Band mit den damals wahrscheinlich wildesten Mähnen des Warschauer Pakts.
4) Renft "Nach der Schlacht",1974: Rock-Balladen und Rock-Lieder, mit unglaublicher musikalischen Kraft. Texte an deren poetische Kraft (im damaligen Zusammenhang zu sehen) keine 'Westband' herankam. Eines der besten Alben, das in der DDR produziert wurde.
5) Emerson, Lake and Palmer "Bilder einer Ausstellung", 1973: Rockmusikalische Adaption des berühmten Klassik-Stücks von Musorgski. Damalige musikalische Grundlage des Klassik-Rock mit deren unbestrittenen Gipfelstürmern "Emerson, Lake and Palmer". Die Band empfindet die einzelnen Bilder musikalisch in Anlehnung an Musorgski einfühlsam nach und verwandelt Klassik ohne Anstrengung in Klassik-Rock. Vom musikalischen Handwerk her mit Improvisation, Soli und perfekter Gruppendynamik der Gegenpol zum damals die Charts beherrschenden Glitzer-Rock. Klassikrock für intellektuelle Rotweintrinker.
6) Deep Purple "Perfekt Strangers", 1984: Neun Jahre nach dem Zusammenbruch von Deep Purple Part II, Anno 1973, das vielleicht beste Album der Band. Ritchie, John, Ian, Roger und Ian knüpfen nahtlos da an, wo sie sich '73 mit 'Who do you thing we are' verabschiedet hatten. Hardrock- abwechslungsreich komponiert und wie aus einem Guss gespielt, präzise Balladen wie gerade erst empfunden, dazu musikalisch-handwerkliche Perfektion wie bei Deep Purple gang und gebe, Soli von John Lord und Altmeister Ritchie Blackmore - alles was das Purple-Herz begehrte und wonach es damals lechzte, befand sich auf dieser Scheibe. Die blanke Auferstehung einer schon damals verehrten Rock-Legende. Gänsehautmusik für uns alte Rocker.
7) Gaby Rückert "Guten Tag", 1982: Wunderschöne Lieder, poetische Balladen mit einer sanften, unverbrauchten Stimme gesungen. Irgendwie kommt alles sauber und noch nicht verdorben rüber, ohne Kitsch und Schielen nach Kommerz und unendlich viel Knete- all das, was die Musik dann bekanntlich weichspült. Musik zum Träumen, Selbstbesinnen, zur Ruhe kommen; diese Platte hab' ich immer im Herbst gehört, wenn draußen die nassen Blätter fielen und die Rotwein-Saison begann
8) Lift "Nach Hause", 1987: Rockballaden vom Feinsten, musikalischer Druck, differenziertes Gitarrenspiel, ausdrucksstarke Stimme - eigentlich ist alles da. Über die Qualität von DDR-Rock-Texten und das geniale Botschaften zwischen den Zeilen rüberbringen, brauchen wir nicht mehr zu reden. Nicht umsonst sagen die Lyriker weltweit: Je weiter nach Osten, desto besser die Gedichte!
9) Rainbow "Stranger in us ...", 1995: Ritchie Blackmores entgültig letzte und vielleicht beste Rainbow-Scheibe, bevor er Songwriter von Candice Night wurde. Rainbow in alter Herrlichkeit, klingt wie auf den ersten Scheiben aus den 70-er Jahren, als Ronny James Dio Sänger bei Rainbow war. Gruppengründer Blackmore hat hier endlich den nervig kommerziellen Weg der Band in den 80er Jahren verlassen und rockt nicht nur einfach ab, sondern komponiert vielschichtig und abwechslungsreich. Besonders schön sind seine klassischen Adaptionen, beispielsweise "In der Hölle des Bergkönigs" von E. Grieg, in der Rainbow langsam, aber stetig, musikalisch unglaublichen Druck macht.
10) Ritchie Blackmore/Candice Night "Shadow of the Moon", 1997: Dass Rocker auch die besten Balladenschreiber sind, ist allgemein bekannt. Doch die Entwicklung von Deep Purple-Übervater Ritchie Blackmore vom Rock' Roller zum Songwriter und klassischen Gitarristen war schon eine kleine Sensation. Wie viel Anteil daran die junge hübsche Sängerin und Lyrikerin Candice Night hat, bleibt spekulativ. Fest steht, dass der (wahrscheinlich) zur Ruhe gekommene Hard-Rocker in sich eine zarte musikalische Seite entdeckte, die er in all den wilden Jahren sorgsam versteckte. Wunderschöne keltische Lieder, mit zum Teil mittelalterlichen Instrumenten aufgenommen, lassen eine anmutige Atmosphäre entstehen. Das ist ideale Musik zum Ausruhen mit einer Geliebten! Im kompositorischen Mittelpunkt steht natürlich Blackmore mit klassischer Gitarre. Mal gezupft, mal gestreichelt und im Gegensatz zu seinen wilden Zeiten wahrscheinlich auch im Ganzen wieder zurückgestellt, spielt der Meister so sanft und subtil, als hätte er nie etwas anderes getan. Als Spezialgast "übernimmt" Jethro Tull-Urvieh Ian Anderson in "Play Minstrel Play" mal kurz die Flöte ... Bestimmt ist die Musik nicht unbedingt für den hörbar, der auf Brachialrock der Marke "Deep Purple in Rock" aus ist, zumal Candice Bergen stimmlich beileibe nicht Kate Bush oder Jennifer Rush ist. Jedoch im tragbaren CD-Player, die Ohrstecker in der Hörmuschel und allein auf einem Schiff eine einsame Insel anlaufend, ist diese sensible Musik für uns alte Rocker-Rochen wie geschaffen.
11) Kate Bush "Lionhert,1981: Keltisch, subtil, sanft und mit einer Stimme, die Gläser zerspringen lassen könnte - ohne dass sie nervig schrill wäre - setzte Kate Bush mit dieser LP einen musikalischen Meilenstein. Das war zu dieser Zeit, in der die Neue deutsche Welle aufkam und in den Charts teilweise nur noch musikalischer Schwachsinn zu hören war, genau die Alternative, die wir, die aus den musikalisch ergiebigen 70ziger Entlassenen, brauchten. Ihre Songs sind durchgängig hörbar, ohne beliebig daherzukommen. Zu der Zeit war Kate Bush für uns die Größte ...
12) Deep Purple "Purpendicular", 1996: Nach den oben benannten Alben die wohl stärkste Scheibe der Band, zu einer Zeit, in der niemand mehr auf die Altrocker um John Lord und Ian Gillan setzte. Die CD klingt frisch und frei, als stünden Deep Purple am Anfang ihrer Karriere. Jeder Titel wartet mit einer besonderen Dramatik auf. Lag sicherlich auch am neuen Gitarristen Steve Morse, der Ritchie Blackmore nicht nur hervorragend ersetzte und genauso gut wie der Altmeister spielte, sondern auch musikalisch neue Akzente setzte. Mit Spielfreude, Lust und Laune haben die Purple-Mannen ein Klasse-Album aufgenommen; hart, melodisch und musikalisch bärenstark. Bei "Sometimes I feel like screaming" singt beispielsweise eine herrliche Gitarre in Halbtonschritten ihr Lied, während Ian Gillan melodisch darüber kreischt, so, wie er es in seinen besten Zeiten getan hatte. Hardrock vom allerfeinsten. Vor allem für die Fans von weichgespültem Kommerzpop zu empfehlen. Ganz zu schweigen von den "musikalischen Bällen", die sich Organist John Lord und Gitarrist Steve Morse innerhalb ihrer Improvisationen zuwerfen bzw. -spielen. Und ganz zum Schluss entdecken die hardrockgesottenen Mannen bei "The Aviator" auch noch ihr Folkloreherz und liefern ein wunderschönes, einfaches Liebeslied ab. Da tauchen Bilder von alten Schlössern, grünen Hügeln, kräftigem Schwarzbier und rotblonden Mädchen mit lustigen Sommersprossen im Gesicht vor dem geistigen Auge auf. Warum eigentlich nicht verträumte irische Klangfarben inmitten all des knallhartem Rock? Dem Deep-Purple-Fan kann's nur recht sein.


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