Sehnsucht im Gepäck

"Schreibst du mir? Bitte, du bist mein einziger Kontakt zur Außenwelt..." Klaus hat Tränen in den Augen während er spricht, seine Stimme ist kraftlos und leer.

Die Hände malen fahrig ein imaginäres Gebilde in die Luft. Es ist morgens, sieben Uhr. Selten steht er so früh auf. Meistens dann, wenn er wieder einmal eine schlaflose Nacht hinter sich gebracht, sich fast zu Tode gegrübelt und das Bett verlassen hat, um sich im Supermarkt die zwei üblichen Tetrapaks Billigwein zu kaufen, die bis zum frühen Nachmittag wohl reichen würden... Er sitzt hier in seiner unaufgeräumten Wohnung, im Wohnzimmer, neben ihm stehen zwei gepackte Koffer und zwei Beutel. Von der Straße dringt Hupen an sein Ohr: Sein Bekannter wartet unten im Wagen auf ihn...

"Ja, ich schreibe dir, aber nicht sofort, ich habe zu tun", antwortet die Stimme einer jungen Frau im Telefonhörer. Ihr Ton ist zwar beherrscht, aber das hörbare Atmen, fast Schnaufen, zwischen den Worten, läßt erkennen, daß die Frage sie nervt. "Das ist schön, ich freue mich. Alles Liebe und alles Gute dir, du bist in meinem Herzen, ich denke an dich, ich hab’ dich lieb..." "Ja, ja... Du mußt dich nicht anstrengen, um mir zu gefallen... Tschüß dann." "Tschüß, meine Liebe."

Er legt auf und kann es kaum erwarten, eine Büchse Bier geräuschvoll zu öffnen und hastig daraus zu trinken. Die Flüssigkeit rinnt ihm die Mundwinkel herunter. Klaus schließt die Augen nach diesem langen Schluck und wartet auf die Wirkung des alkoholischen Getränkes, die auch bald einsetzt. Er hat noch nichts gegessen und natürlich auch keinen Appetit.
Sodbrennen quält ihn. Plötzlich rennt er in die Küche und erbricht sich in die Abwäsche. Danach würgt und hustet er laut, schüttelt sich, drückt das Erbrochene mit dem Finger in den Ausguß, läßt Wasser nachlaufen und wankt erschöpft ins Wohnzimmer, als es draußen erneut hupt...

Sehnsucht der Fassaden



LEISER DANK
IN LAUTER STUNDE

Mein Lachen,
das heute nicht wehtut,
nicht fehl am Platz
aufgesetzt,
gespielt ist,
schenke ich
dir,
weil du
mich befreit hast
für einige Stunden
von der
Maske des Alltags.



ANTLITZ MEINER STADT

Meine Jacke
aus Gedanken und Gefühlen
wärmt
in den verfallenden Straßen
nicht.

Alte Häuser stürzen ein.
Bagger schieben sie zusammen
mit Schreien,
die mich
frieren machen.

SEHNSUCHT DER
FASSADEN

Wünsche,
er risse die Fassaden
herunter,
und dahinter
stünde
ein festes Haus.

Hoffe,
er durchbräche
die Fassaden nicht,
um Häuser als Ruinen
zurückzulassen.

Glaube
an ein neues Haus
in dem er
der Eckstein ist.

LEBENSLAUF

Manche leben
zu Selbstzweck,
machen es sich leicht.

Manche
leiden an sich selbst,
machen es sich schwer.

Pendeln
zwischen
Ausgelassenheit und Schwermut,
Erfolg und Niederlage.

Ich-
im Zeitlauf
eine Sekunde,
ohne die
keine Minute,
keine Stunde
zur Vollendung käme.

Ich dachte, Du meintest mich...

"...Von Norden nach Süden vrändert die Insel ihre Gestalt - im Norden schroff, herb, klüftig, und im Süden erstreckt sich eine langgezogene Heide. Der Strand umschließt die Insel. An der dem Meer abgewandten Seite findet man mehr Schilf als Sand. Dort ist es auch fast windstill und unglaublich ruhig. Du wirst die Insel sehr schnell liebgewinnen."

Nadines Eltern lauschten kritisch dem Gespräch der beiden. Ein fremder Junge drehte sich heftig nach Nadine um, als er an ihr vorbeigegangen war, während sie die Dorfstraße hinunterliefen.

"Setz bitte die Sonnenbrille auf", mahnte der Vater.

"Ob er mich erkannt hat und die Einwohner alarmiert?" fragte Nadine besorgt.

"Nein, man wird ihm hier nicht glauben und ihm einreden, erhätte eine Fata Morgana gesehen. Im übrigen kennt hier kaum jemand eine Nadine Koolmann." Kain nahm ihr die Reisetasche ab.

"Dann können wir doch in eine Gaststätte gehen und zusehen, wie die Fischer Karten spielen und Rum trinken", plapperte Nadine aufgeregt weiter. Kain überkam ein innerer Schüttelfrost. Er erinnerte sich ihres Nervenzusammenbruchs auf dem Schiff. Würde sie schlaflose Nächte haben, weil sie das Meeresrauschen nicht kennt? Würde sie das Nebelhorn von der Nordspitze der Insel nicht erschrecken? Wie würde sie auf Sturm oder gar Gewitter reagieren? Auf diesen unmittelbaren Kontakt mit der Natur?

Gefühle im freien Fall



ZUNÄCHST

Hatten wir uns
geküßt und geliebt,
doch ich fühlte
wie Buridans Esel,
der nun gefressen
und sich
verschluckt hatte.



GEFÜHLE IM
FREIEN FALL

Deine Liebe
im Sommer
und
dein JEIN
im Herbst
ließen mich
erfrieren -
noch vor
dem Abschied -
zum Winterbeginn.

SPEISEKARTE

Seitdem
ich dich
kenne,
habe ich
die Speisekarte
meiner Gefühle
kosten müssen

Auch wenn mir
zum Ende
der Magenschmerz
die Sinne raubt,
will ich dich
nicht
zurückschicken,
zahlen,
hinausgehen.

KRANICHE
IM HERBST

Kraniche kommen
von dort,
wo ich
einNest
bauen wollte
für uns.

Jetzt
ziehen sie
Richtung Süden,
von wo
du kamst.

Wirst du
unter ihnen
sein,
wenn sie wiederkommen
im Frühjahr?

Ich blicke
ihnen nach.

Rudolf Petershagen

Auszug ab Seite 66:
Helmut Maletzke
Als Petershagen heimkehrte
Es ist jetzt so lange her, dass die Mehrzahl unserer Mitbürger die Ereignisse der kampflosen Stadtübergabe Greifswalds durch Rudolf Petershagen und die folgenden Geschehnisse nur vom ungefähren Hörensagen kennt. Um verständlich zu machen, unter welchen Umständen Petershagen nach seiner mutigen Tat und anschließender russischer Gefangenschaft nach Greifswald heimkehrte, muss ich eine Schilderung meiner eigenen damaligen Situation vorausschicken.
Im Mai 1945 rückte ich südlich von Prag aus der russischen Gefangenschaft aus, floh quer durch das zerstörte und dennoch frühlingshafte Deutschland und landete am 18. Juli in Greifswald. Hier hatte ich als mehrfach Verwundeter Jura studiert und hoffte, in dieser Stadt, meine Frau wiederzufinden. Am 18. Juli kam ich glücklich dort an und schloss meine Frau in die Arme. Die Bürger des heil gebliebenen Ortes erzählten mir von einem Stadtkommandanten, der den Befehlen der Nazis zum Trotz den Ort kampflos der Roten Armee übergeben und dabei sein Leben riskiert habe. Dennoch sei er danach von den Russen gefangen genommen worden. Da das neue sowjetische Regime von dem bisherigen bürgerlichen Rechtswesen und von angehenden Juristen wie mir nichts wissen wollte und ich ohnehin von kleinauf eigentlich Maler zu werden wünschte, verdiente ich mir meinen Lebensunterhalt zunächst vorwiegend durch gebrauchsgrafische Arbeiten, denn für höhere Kunst hatten die hungernden Menschen in den von Ostflüchtlingen überbesetzten Wohnungen wenig Sinn. 1947 schloss ich zusätzlich einen Vertrag mit der Universität ab, in dem ich mich als Wissenschaftlicher Zeichner an der Chirurgischen Klinik verpflichtete. Dort stand ich dann am OP-Tisch des Chefs, Prof. Felix, und hielt zeichnend fest, was und wie er zum Beispiel an Herzen, Wirbelsäulen, Gaumenspalten usw. operierte. Das erschien dann als säuberlich gedruckte Illustration in den Fachzeitschriften. In den Frühstückspausen ging ich gern hinüber in die benachbarte Medizinische Klinik, um mich dort mit einem Mann zu treffen und zu unterhalten, der wie ich Soldat gewesen war und nun ebenfalls an einer Klinik sein Brot verdiente. Dieser Mann war Rudolf Petershagen, der aus der Gefangenschaft heimgekehrt war, um den sich in Greifswald aber niemand kümmerte, und der nun als Verwaltungsangestellter eine Arbeit gefunden hatte. Dass dies unter dem Klinikchef Prof. Katsch geschah, war kein Zufall, denn Katsch hatte bei der kampflosen Stadtübergabe an Petershagens Seite mitgewirkt. Doch dieses ganze Geschehen wollte die damalige scharf kommunistische Stadtverwaltung möglichst in Vergessenheit bringen, denn so ein Wehrmachtsoffizier, der obendrein noch mit einer Adligen verheiratet war, die Hofdame im Kaiserschloss gewesen war, passte absolut nicht ins proletarische Idealbild. Da saß ich dann fast täglich kameradschaftlich frühstückend mit einem Schicksalsgenossen am Tisch, der mangels eines Anzugs noch die abgewetzte Wehrmachtsuniform als Arbeitskleidung trug, von welcher jetzt natürlich das Hoheits- und die Rangzeichen abgetrennt waren, wie das in dieser Mangelzeit bei den Heimgekehrten alltäglich und normal war. Wir tauschten uns aus über Gott, den verlorenen Krieg, die zukünftige Welt und unser Schicksal, das uns beide immerhin diesen mörderischsten aller Kriege hatte überleben lassen. Es schien mir wenig fair, dass dieser Mann, Exsoldat und jetzt gewissermaßen Berufskollege, dem bestimmt viele deutsche und russische Soldaten sowie ungezählte Bürger der Stadt ihr Leben und der Ort seine Unversehrtheit zu danken hatten, jetzt so schäbig behandelt wurde. Und ich riet Rudolf Petershagen, seine Geschichte aufzuschreiben und ein Buch daraus zu machen. Auch unter dem neuen Regime müssten doch die menschlichen Ideale hoch gehalten werden. Doch er fand, dass Schreiben nicht zu einen Offizier passe. Aber Monate später tat er es doch. Nicht um sich ins rechte Licht zu setzen, sondern um kommenden Generationen zu sagen, dass man nicht stur einer mächtigen Obrigkeit, sondern seinem Gewissen gehorchen muss. Als das Buch im Jahr 1959 im Verlag der Nation erschien, fand es bei den Lesern viel Beachtung. Und weil die Lektoren aus Petershagens Text das Beste gemacht hatten, war das schriftstellerische Niveau sogar ganz passabel. Einen ganz unvermuteten Erfolg erfuhren Buch und Autor aber, als man die Geschichte dann verfilmte. Höheren Orts hatte man erkannt, dass die Tat dieses Offiziers, der sich dem Naziregime widersetzte, auch eine politische Dimension hatte. Der Streifen wurde im gesamten riesigen Sowjetimperium in jedem Kino gezeigt. Plötzlich war Rudolf Petershagen eine Art Star. Der Umstand, dass nahezu jeder Sowjetbürger diesen Mann kannte, hatte für mich übrigens eine ganz unerwartete Folge. Auf einem seltsamen Umweg brachte sie mir eine besondere Freundschaft mit einem russischen Maler ein. Der hieß Jewgenij Aniskin. Vor einem Jahr ist er leider verstorben. Da reiste, wie es üblich geworden war, eine Delegation prominenter russischer Künstler durch die DDR, um sich im "sozialistischen Bruderland" umzusehen. Die Kollegen waren darauf erpicht, auch Greifswald zu besuchen und hier den berühmten Petershagen persönlich kennen zu lernen. Jewgenij Aniskin, in Moskau beheimatet, war der Leiter der Gruppe. Ordnungsgemäß kündigte man sich bei Petershagen an. Aber der schätzte solche Veranstaltungen gar nicht. Er kam auf die Idee, mich ins Spiel zu bringen und die russischen Künstler zu mir in mein Atelier zu lenken - wir sollten ihn dann nur kurz telefonisch dort hinzuholen. Das war den Gästen durchaus recht und Aniskin machte den Vorschlag, dass er, seine Kollegen und ich gemeinsam den berühmten Zeitgenossen zeichnen sollten - das müsste der doch als Ehrung akzeptieren. Petershagen war einverstanden. Und so geschah es, dass die Gruppe sich zunächst meine Bilder ansah und wir uns über die gegenwärtige Kunst austauschten, danach aber Petershagen hinzubaten. Auf seinen Wunsch hatte ich noch seinen früheren Adjutanten Johannes Schönfeld eingeladen. Dann saßen beide Männer brav in meinem Atelier und wir Maler schweigend arbeitend um sie herum. Und Petershagen blinzelte mir zu, was hieß, dass er froh war, auf diese Weise kein Wort sagen zu müssen.
Später habe ich den berühmt gewordenen Exsoldaten noch mehrfach gezeichnet und auch ein Ölporträt von ihm gemalt.
Mit Jewgenij Aniskin und mir aber begann an jenem Tag eine lange Freundschaft, die mich und meine Frau mehrere Male zu ihm und seiner Frau nach Moskau führte und die etliche Ausstellungen in Greifswald und Moskau zur Folge hatte ....


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